Phillip Lacher

PRAXIS FÜR ERGOTHERAPIE

Perfetti

Das neue Behandlungskonzept

Der Neurologe und Rehabilitationsarzt Carlo Perfetti hat bereits in den 70er Jahren begonnen, ein neues Behandlungskonzept für Patienten mit erworbenen cerebralen Schädigungen zu entwickeln. Er sah Bewegung nicht als Summation von Kontrakturen oder Reflexabläufen, sondern als einen kognitiven Prozeß, der vom cerebralen System aktiviert und gesteuert wird, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen.Die kognitive Therapie kennt kein festes Programm, denn sie ist bemüht, jede neue wissenschaftliche Erkenntnis sogleich in die Behandlung zu integrieren. Die therapeutischen Übungen werden für jeden Patienten individuell geschaffen und auf seine spezifischen Probleme abgestimmt. Drei Gesichtspunkte stehen im Vordergrund :

- die Wahrnehmung

- die Aufmerksamkeit

- die kognitive Bewegungskontrolle.

Reorganisation des Zentralnervensystems

Ziel der Rehabilitation ist die Reorganisation des Zentalnervensystems. Es geht nicht darum, dem Patienten verschiedene Bewegungsabläufe anzutrainieren, sondern seinem ZNS wieder bestimmte Fähigkeiten zu vermitteln. Dazu gehören Anpassungsfähigkeit, die Vielfältigkeit der Bewegung und die Fähigkeit, die Bewegung in einzelnen Elementen zu kontrollieren.

Bewegung, Sensibilität, Information

Von besonderer Bedeutung ist die Beziehung von Bewegung und Sensibilität: Die Bewegung dient dazu mit der Umwelt in Kontakt zu treten, aktive Interaktion (Piaget) . Um die Bewegung zu planen und auszuführen, braucht das zentrale Nervensystem Vorinformationen vom Körper selbst und von der Umwelt. Durch jede Bewegung erlangt man Informationen, die wiederum die nächste Handlungssequenz ermöglichen. Bewegung erzeugt Information, Information ermöglicht das Entstehen der Bewegung  - ist dieser Kreislauf gestört, kann es keinen physiologischen Bewegungsablauf mehr geben.

Überwindung der Dichotomie

Die kognitive Therapie will die Dichotomie überwinden, die noch in vielen Bereichen der Rehabilitation vorhanden ist. Jede Veränderung des Nervensystems - ob peripher oder zentral - führt zwangsläufig zu einer veränderten Funktion des zentralen Nervensystems! Bei der Behandlung einer peripheren Nervenläsion muß daher immer das globale System der ZNS berücksichtigt werden.

Die Bewegungs - Übungen

Die Übungen, die von Perfetti und seinen Mitarbeitern entwickelt wurden, sind auf drei Stufen konzipiert. Jede Übung ist mit der Erlangung einer Information verbunden, denn eine Bewegung ohne Ziel ist für das Gehirn sinnlos und bleibt ohne Lerneffekt. Die meisten Übungen werden mit geschlossenen Augen oder mit Sichtschutz durchgeführt, damit die Bewegungsfähigkeit nicht durch die Sehfähigkeit kompensiert werden kann. In der ersten Übungsstufe wird die Hand oder der Fuß vom Therapeuten geführt, um spastische Muster zu verhindern. Neben der Kontrolle des abnormen Dehnungsreflexes soll die taktile/ kinästhetische Wahrnehmung verbessert  und die durch die zentrale Lähmung bedingte Muskelschwäche überwunden werden. Bei den Übungen des zweiten und dritten Grades stehen die Kontrolle der Massenbewegungen sowie die richtige Programmierung der Bewegungsparameter Raum, Zeit und Intensität im Vordergrund. Der Patient lernt, die pathologische Komponente über die kortikale Ebene zu kontrollieren.